Tod in Leben – ein Widerspruch?

 

               …Mors et vita duello
               conflixere mirando…

 

               Media vita in morte sumus…

Dieser Text wurde einmal bei Gelegenheit von Besuch von einer sehr altertümlichen Friedhofskirche ausgesprochen.

Wenn uns eine Möglichkeit vorliegt nach einem Ort zu kommen, wo sich Leben mit Tod eng begegnet, wie ist es beispielsweise hier  im Maurenz, an lang von Zivilisation entfernten Orten, wo es nur einen Friedhof gibt und dahinten nur Felder oder Wald, niemand kann Erwägungen von der Stelle des Todes in unserem Leben entweichen.

Aber gleich protestiert es auch etwas in uns: Tod in Leben? Ist das nicht ein Widerspruch? Sind es ja von jeher Tod und Leben zwei äußerste Gegenteile, die vielleicht in einigen Momenten in Kontakt kommen, aber stets und immer liegen miteinander im Streite und  einander bekämpfen, sogar einander ausschließen? Für uns kann doch nur ein von diesen Zuständen gültig bleiben: Entweder leben wir und teilhaftig sind an dem großen Strom von leben, und dann wissen wir nichts von dem Totenreiche; der Tod eigentlich existiert für uns nicht, denn wir sind unfähig ihn zu vernehmen oder jedwede Erfahrung damit z machen. Dann ist hier die umgekehrte Möglichkeit, nämlich dass wir tot sind. Aber wenn wir tot sind, Welt und Leber verlieren für uns an Wichtigkeit, sie haben keinen Sinn mehr: für uns gibt es kein Leben mehr. Das ist Epikurs Gedanke: Wenn wir sind, der Tod ist nicht; und wenn der Tod ist, sind wir nicht.  So eine extreme Lösung erweckte in der Vergangenheit viel Widerwille, in besonderem bei den Christen. (Die sogar versuchten den Epikur mancher Unzucht zu beschuldigen – zu Unrecht: wenn sind die antiken Relationen von Leben der Philosophen recht, die sprichwörtliche epikureische Gelagen hatten nur Obst und – etwas von – Wein zu Menü, dafür viele philosophische  Gespräche.) Wir müssen jedoch gestatten, dass die Epikurs Lösung ist dem modernen Geist ziemlich nahe: doch wohin uns eine nutzlose Konzentration auf Tod kann leiten? Lasst uns ins Leben gehen – da vermögen wir etwas leisten, nur Leben kann uns und die Menschheit weiterbringen. Das Leben hat doch seine Wert und seine Geheimnisse, zu den wir berufen sind sie zu entdecken, wenn ja wir auch nicht genau wissen, worin sie bestehen. Wenn wir nämlich dem Tod die Gewalt übers Leben zugestehen, nichts davon hat Sinn. Tod gehört nicht ins Leben, was ins Leben gehört ist nur und nur das Leben, Leben in seiner Fülle, Steigerung von Leben, wie hat es m. Sobotka gemerkt, in seiner Reflexion über die Gestalt des Faustus.  Faust ist hier wirklich ein Archetyp von modernem Menschen. Für ihn gilt: Wenn das Leber voll ist (das ist immer wieder gefüllt wird  – nicht eins für immer!), dann darf der Tod dem Teufel überlassen werden, er hat für uns keine Wert mehr.

Wenn wir jedoch in den Umkreis des Denkens des Mittelalters und in seine Lebensempfindung eintreten  – was kann symbolisch erfüllt werden zum Beispiel hier dadurch, dass wir den Friedhofraum betreten – stehen wir Angesicht zu Angesicht etwas völlig anderes gegenüber, völlig verschiedenen  Gedanken und Gefühlen gegenüber. Für das Mittelalter waren die Polen umgekehrt: Das Leben wie als hätte überhaupt kleinen Sinn – vielleicht nur als eine (beschränkte) Möglichkeit sich geistigen Dingen zu widmen (und diese Welt ist dazu nicht die optimale Stelle dafür sie zu entwickeln) und sich auf den Tod bereiten. Tod und Totenreich bekommen verhältnislos größere Wucht, als öfters früher und nie später. Manchmal – in einigen geistigen Strömungen des Mittelalters – es scheint von dem Tod völlig verschlungen. Hierher, aus solcher Stimmung herkommen die bekannten  „Triumphe des Todes“ (der bekannteste ist von Brueghel), die man zerstreut auf Möbel, an Wänden, auf kleinen Gegenständen und natürlich auch in Kirchen und auf Friedhöfen auffinden. Daher kommt auch der Brauch Beinhause zu bauen und auch Züge der Flagellanten, extreme mystische und eschatologische  Bewegungen (die extremen Franziskaner von der Ende des 13.Jhdt mit ihren Penitenzagite), Versuche sich dem Tod und Marter Jesu angleichen (Heinrich Suso), Visionen von Tod und Hölle (hl.Brigite) und alles durch Zerfall und Volkstümlichwerden von diesen mystischen Bestrebungen zustande gekommen ist (Flagellanten Adamiter usw.) Zu diesem Kreis sollten  wir auch die ältere Albigenserbewegung zurechnen, wenn nicht Anderes halber, dann für die schreckliche Apokalypse, die die Kreuzritten gegen sie entfesselten, wodurch sie auch zunichte kam, nur sind die Berichte über sie so karg und absichtlich unterdrückt, dass man kann nur schwerlich ein zukommendes Bild von ihrer geistigen Welt und ihrer Verhältnis zum Tode machen. Sicher sahen sie in dem Abschied von dieser Welt den Sinn und Höhepunkt des Menschenlebens und mache griffen dafür zu einem freiwilligem Hungerstod.

Dabei aber weder in dem Denken des Mittelalters verweilen Tod und Leben in einer besonderen Harmonie oder Eudämonie, wodurch  das Leben  eines Helden würde bloß in den Tod wie in Verweilen irgendwo auf den seligen Inseln einfließen, wie vielleicht der Ideal von antikem Griechenland aussehen könnte. Mors et vita duello, conflixere mirando, ruft der Mönch Wipo in 11.Jhdt in der Ostersequenz Victimae paschali. Und wie wir den Bild von Augen hätten: Gegen die kleine und wankende Welt der Lebendigen steht eine riesige und stabile Reich der Toten und ihre Kämpfer strecken den Schar der Lebendigen nieder in Tausenden; die Lebendigen werden geboren nur darum, dass sie nach einem kurzen und elenden Leben der Hölle und dem Tod verfallen. Solches wirklich kann das mittelalterlich Lebensbild sein: nach einem kurzen und unsteten irdischen Leben folgt der Tod und das Gericht und (meistens) ewige Verdammung. Es gibt nur einen schmalen und unsicheren Weg zum Heil und Erlösung, sogar eine große Lebensanstrengung wird sie nicht sicherleisten; Gott selbst wird urteilen und die Taten des Menschen abwägen, ob er würdig ist seine Himmelreich einzutreten. An manchen mittelalterlichen Bildern tritt als der wagende Richter der Seelen der Erzengel Michael. Und gibt’s auch Fresken, wo neben der Waage steht Maria und mit einem Stäbchen biegt sie zum Gunsten des Sünders…

Die Welt des Todes verhält sich also  feindlich zu der Welt der Lebendigen und hat über sie große Macht. Als einzige und entlegene Hoffnung bleibt, sich Gott und Christus, dar praktisch mit ihm identisch ist, anlehnen und auch die Fürsprache der Heiligen, am ersten Stelle Marias auszunutzen. Nur dann kann dem Menschen eine gewisse Hoffnung aufleuchten auf das Überwinden von Tod durch Leben, obwohl einem Leben anderer Art und anderer Parametern.[1] In diese Lage dringt her eine andere Stimme, etwas verschieden von der ersten, ruhiger und mehr philosophisch: Sie spricht über der Verknüpfung von Leben und Tod. Media vita in morte sumus…. Diesmal es ist ein anderer Mönch, Notker Balbulus, und seine Sequenz, die mit den angeführten Wörtern beginnt, fand in spätem Mittelalter, besonders nach der großen Pest in Jahren 1348 und 1349, breite Popularität. Und interessant ist, dass hier wird wie in Umkehrung unseres ursprüngliches Thema gespiegelt: Das Leben hat sein Ort im Tod.  Das kann nach vielerlei Art verstanden werden. eine davon, die, die uns zurück zu dem Wahnsinn der Flagellantenzüge verleiten würde, nämlich dass das Leben selbst nichts anders sei, als Tod, eine Art Trick und Verkleidung von ihm, und folglich ist es egal, ob wir leben oder sterben, in keinem Gestalt von diesen zweiten hat unsere Existenz Sinn. Tod zeugt nur Tod, wenngleich er sich für Zeit, einstweilen Leben nennen möchte, und wir selbst sind durch Tod durchgedrungen von unserem Geburt; der Tod waltet in unseren Gliedern, zum Tode sei ganzes unseres Denken und Tun, dem Tode kann man nicht fliehen, nicht ausweichen, gibt’s kein Ersatz dafür.

Aber noch ein andere Sinn kann genommen werden von diesen, wiewohl grauenhaften Wörtern. Dass selbst der Tod, obwohl ihm Die Gewalt über die Welt gegeben wurde, gibt Raum dem leben, selbst schränkt seine Herrschaft ein und dem höheren Willen unterstellt. So ein lebenspendender Effekt hat für Menschheit und Erde das Wirken Christi (…quem habemus adiutorem, nisi te Christe… klingt der nächste Vers des Liedes). Wir haben vor uns also wirklich etwas wie ein invertiertes Bild des modernen Standpunkts: Die Erde ist in Tod und Sterblichkeit verwurzelt, alles, was darauf ist, ist dem Toden unterstellt und ist eigentlich Tod. Das Leben kann existieren auf der Welt nur dank der Wirkung Christi. Der moderne Mensch lebt voll das Leben dieser Erde und kümmert sich nicht um die Sphäre des Todes. Sein Standpunkt wird meistens durch Äußerungen ausgedruckt wie „Es kann doch da etwas sein.“ Für einen mittelalterlichen Menschen bleibt der größere Teil von Realität außer dieser Welt. Vielleicht nur ein wenig kann hier wirklich sein – das, was Christus hat dem Tod entrissen.

Wenn wir also zum Anfang von unseren Erwägungen zurückkommen, gibt es uns ein ganze Reihe von Möglichkeiten: 1) Es gibt’s entweder Leben oder Tod, beides ist gleichzeitig nicht möglich; und deshalb wir durch unseres Leben die Existenz von Leben  bezeugen, gibt es für uns nur und nur Leben. 2) Es gibt gar keinen Leben, alles ist nur Todes Trugbild; wenn es für Menschen überhaupt Leben geben kann, dann sicher nicht hier, auf der Erde. 3) Alles auf der Erde ist zwar dem Tode unterstellt, seine Gewalt ist doch nicht absolut. Es gibt hier etwas, was seinen Gesetzen entgeht, was in die Zukunft gerichtet ist und was gibt Hoffnung dem Menschenleben. Diese drei Standpunkte könnten wir kurz nennen: 1) Nur Leben im Leben 2) Nur Tod im Tode 3) Leben im Tode. Wir sehen, dass hier fehlt etwas, und nämlich das, was wir am Anfang als das Hauptthema erwählt haben: Tod im Leben.

Wie können wir denken und erleben die letzte Variante? Erstens müssen wir als Menschen unseres Zeitalters unzweideutig das Leben bejahen: Was hier auf der Erde vorgeht, ist alles Leben, fürs Leben und um des Lebens willen. Sonst hätte unser Dasein keinen Sinn. Wenn wir uns ins Leben eingliedern, wenn wir unser Leben durchleben, erweisen wir dadurch einen alleinigen Dienst der Erde und zugleich unsere wie auch ihre Bestimmung erfüllen. Wir brauchen die Erde für unser Leben, sie braucht uns um zu geistig werden. Insofern dürfen wir jenem humanistischen Standpunkt von Epikur zustimmen. Aber trotzdem als wie es nicht alles über unsere Existenz besage, als wie diesem Bild noch etwas an Tiefe fehle, als ob es ihm noch etwas, gewisse Schatten bedürfe, als ob unsere Lebensgeschichte noch etwas von dramatischer, tragischer Spannung nötig habe. Tragisch ist vielleicht das beste Wort, das wir hier benutzen können. Ein Sprichwort sagt, dass nur wenn der Baum fällt, kann man seine Höhe sehen. Als ob wir brauchen etwas, womit unsere Aufbietung, unseres Leben in extremis gemessen wird, also bis in die Extremitäten, da, wohin wir nie denken wägen, dass es da reicht. Wir brauchen den Tod, damit wir mehr wären als wird jetzt sind. Und deshalb müssen wir auch in unserem Innern immer Platz bescheren dem dunklen unverwechselbaren Ruf, Ruf des Todes. Wenn wir ihm kein Gehör geben, unser Leben wird flach und unfruchtbar werden. Wir durchleben wohl den Rest von unseren Tagen ohne Qual, nie werden wir jedoch unser Menschendasein vollbringen. O Tod – sei gesegnet!



[1] Auf der anderen Seite noch weit entfernt bleibt in dieser Phase, die spätmittelalterliche Welt von Ablassen und Fegfeuer, die so eine „Großraumumsteigstation“ bietet zwischen dieser Welt und dem Himmel. Aber auch dieser Versuch, obwohl vielleicht theologisch gut gemeint, zeugt eher über Verzweifeln und Hoffnungslosigkeit und schließlich auch nicht sehr glaubhaft wirkt, was bald nicht nur von den Reformatoren sondern auch von spiritualistischen Strömungen des Spätmittelalters entdeckt werden wird.